«Gehirnerschütterungen sind nie belanglos!»

Eine Gehirnerschütterung ist meist von Kopfschmerzen oder Übelkeit begleitet. Sie ist die leichteste Form einer Schädel-Hirn-Verletzung. Typische Zeichen: Verwirrtheit, Erinnerungslücken und oft auch kurzzeitige Bewusstlosigkeit.

Die kürzlich angelaufene Produktion von Netflix gibt keine neuen Erkenntnisse über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher. Der siebenfache Formel-1-Weltmeister zog sich beim Skifahren in den französischen Alpen bei einem Sturz, trotz Helm, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Es war ein tragischer Unfall. «So schlimme und langanhaltende Folgen muss nicht jede Kopfverletzung haben», betont Dr. med. Peter Zangger, Facharzt für Neurologie, Mitgründer und Ehrenmitglied von FRAGILE Suisse. Doch der Fall von Michael Schumacher zeige, wie das Leben schnell in eine andere, ungewollte Richtung gehen könne.

Leichte traumatische Hirnverletzung

Gehirnerschütterungen (oder Commotio cerebri) sind häufiger, als man denkt. Sie ereignen sich beim Sport, bei Verkehrsunfällen und vor allem bei Stürzen. Eine Gehirnerschütterung ist die leichteste Form eines Schädel-Hirn-Traumas oder eine «leichte traumatische Hirnverletzung», wie Peter Zangger sagt. «In der Schweiz erleiden pro Jahr rund 40000 Menschen eine solche Verletzung.» Kopfverletzungen sind eine häufige Unfallfolge, mit denen auch Samariterinnen und Samariter konfrontiert sind. «Die Symptome sind unterschiedlich. Meist sind es kürzere Bewusstseinstrübungen bis kurze Nicht-ansprechbarkeit», meint der Neurologe, der 35 Jahre Erfahrung im Umgang mit Hirnverletzungen hat. Doch es können auch Gleichgewichtsstörungen oder Amnesien bis zu einem Tag auftreten. Typisch seien anfängliche Benommenheit, Schwindel oder Seh- und Gedächtnisstörungen. «Verdächtig ist, wenn der Patient bewusstlos war, eine Erinnerungslücke betreffend Unfallhergang hat oder über Kopfschmerzen und Übelkeit klagt.»

Nicht unbeobachtet lassen

Die Ursache jeder Hirnerschütterung sei eine grosse Kraft- oder heftige Schleudereinwirkung auf das Gehirn, erklärt Peter Zangger. Dabei «kann das Gehirngewebe gequetscht oder übermässig gezerrt werden». Eine Diagnose von aussen ist schwierig. «Es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, wie ernsthaft die Kopfverletzung ist.» Deshalb empfiehlt Peter Zangger, für die Beurteilung des Gesundheitszustandes den Glasgow Coma Score (GCS) anzuwenden. «Die Bewertung des Bewusstseinszustands erfolgt anhand von drei Kriterien.» Zu prüfen sei, ob der Patient die Augen spontan öffnen könne, ob er zusammenhanglose Laute von sich gebe und wie seine motorischen Fähigkeiten seien. Ihm ist bewusst, dass sich bei der Ersten Hilfe eine Kopfverletzung nicht immer nach solchen definierten Standards beurteilen lässt. Oft reiche es, die Betroffenen für einige Stunden «aus dem Verkehr zu ziehen» und eine «lockere» Überwachung zu organisieren. «Bei Sportanlässen sollte der Patient dem Wettkampf fernbleiben.»

Das Credo: ernst nehmen

Meist heilt eine Gehirnerschütterung bei den Betroffenen ohne langwierige Folgen innert Tagen aus. «In 85 Prozent der Fälle bleiben keine erkennbaren Folgen zurück.» Die grösste Gefahr besteht darin, dass sich eine Person durch einen erneuten Sturz wieder verletzt. Dann ist grosse Vorsicht geboten. «Vor allem bei mehreren durchgemachten Gehirnerschütterungen kann es beim Heilungsprozess zu Komplikationen kommen.» Bei Tests stelle man oft geringe Defizite fest. Beispielsweise in der Feinmotorik, beim Gleichgewichtssinn oder beim visuellen System. Das kann zu «einer geringen Zunahme von vorzeitiger Demenz führen». Gehirnerschütterungen sollte man also nicht auf die leichte Schulter und die Warnzeichen ernst nehmen. «Im Zweifelsfalle ist eine Spitaleinweisung die beste Lösung», sagt der Neurologe und fügt hinzu: «Gehirnerschütterungen sind nie belanglos!»

HINWEISE AUF GEHIRNERSCHÜTTERUNG

  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit/Erbrechen
  • Bewusstlosigkeit
  • Ungewohnte Verhaltensweisen
  • Erinnerungslücken betreffend Unfallhergang

FRAGILE Suisse Fragen zu Hirnerschütterungen oder anderen Hirnverletzungen? Bei FRAGILE Suisse, der Organisation für Menschen mit Hirnverletzung und deren Angehörige, erhält man weiter gehende Informationen: www.fragile.ch

Quelle: «Samariter», die Verbandszeitschrift des SSB, Ausgabe 4/2021 (Text: Paolo D’Avino).

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